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Autor: Martina Keck
Artikel vom 13.11.2020

Ein Jahr Soforthilfe nach Vergewaltigung: Der Bedarf ist da - auch in Corona-Zeiten

 no alternative
Frauen – aber auch Männer – können sich nach einer Vergewaltigung vertraulich und rund um die Uhr an das Rems-Murr-Klinikum Winnenden wenden. Symbolbild: Landratsamt

Rems-Murr-Klinikum Winnenden ist die erste Anlaufstelle für Betroffene / Beratungsstellen bieten Unterstützung an

Auch im Rems-Murr-Kreis sind Mädchen, Jungen und Erwachsene immer wieder von sexualisierter  Gewalt betroffen. Viele Opfer sind dabei unmittelbar nach der Tat nicht in der Lage, zu entscheiden, ob sie eine Strafanzeige stellen wollen. Deshalb suchen die Opfer häufig keine Hilfe. Entschließen sie sich später doch dazu, Anzeige zu erstatten, sind die Beweise, die durch eine sofortige medizinische Untersuchung gesichert werden können, bereits nicht mehr vorhanden.

Diese Lücke wurde vor einem Jahr geschlossen: Der Rems-Murr-Kreis nimmt als Modellregion in der Region Stuttgart am Projekt "Soforthilfe nach Vergewaltigung" teil. Opfer von sexueller Gewalt können sich vertraulich rund um die Uhr bei den Rems-Murr-Kliniken melden. Dort werden sie medizinisch versorgt. Beweise können gesichert werden, ohne dass eine Anzeige erfolgt. Die gesicherten Spuren werden ein Jahr lang aufbewahrt, falls sich das Opfer später für eine Anzeige entscheiden sollte.

„20 Frauen, nicht nur aus dem Rems-Murr-Kreis, wurden bislang seit Projektstart untersucht. Lediglich bei zwei Frauen wurde die Polizei nachträglich eingeschalten. Diese Zahlen unterstreichen, wie dringend diese Lücke geschlossen werden musste“, sagt Dr. Stefanie Grüneklee, Oberärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe am Rems-Murr-Klinikum. Innerhalb des ersten Jahres dieses Projektes wurden auch schon Optimierungsprozesse des klinikinternen Ablaufs angestoßen und durchgeführt. So gibt es jetzt ein Heft für die Ärzte, welches sie Blatt für Blatt durch die erforderlichen Untersuchungen leitet, damit der administrative Aufwand gesenkt werden kann.

Nach der Untersuchung können sich die Betroffenen an die Beratungsstellen im Landkreis wenden. Für Betroffenen im Alter von einschließlich 21 Jahren ist das die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kreisjugendamts. Grit Kühne von der Anlaufstelle betont: „Es ist einfach gut, dass Betroffene sich nach einer Vergewaltigung vertrauensvoll an die Klinik wenden können und dort Hilfe und Unterstützung von kompetenten Ärztinnen erhalten. Das kann schon der erste wichtige Schritt zur Heilung nach einem traumatischen Ereignis sein.“

Betroffene ab 22 Jahren können sich an das Projekt Flügel von ProFamilia wenden. Dr. Oranna Keller-Mannschreck von ProFamilia ergänzt: „Die medizinische Akutversorgung nimmt die betroffene Frau ernst und gibt ihr Würde zurück. Sie ist ein erster wichtiger Schritt zur Heilung von Leib und Seele. Die Mitarbeitenden des Klinikums und der Rems-Murr-Kreis haben hier einen wichtigen Beitrag gegen die Gewalt gegenüber Frauen geleistet.“

Ungefähr die Hälfte der 20 Klientinnen hat das Angebot der psychosozialen Begleitung und Beratung anschließend genutzt. So konnten die Frauen sehr schnell Entlastung und hilfreiche Informationen bekommen.

„Wenn ich von den Expertinnen aus dem Projekt höre, wie häufig dieses noch sehr junge Angebot gebraucht wird, dann macht mich das betroffen“, sagt Landrat Dr. Richard Sigel. „Als Landrat, aber auch ganz persönlich.“

„Ganz offensichtlich haben wir hier gemeinsam mit allen Partnern im Rems-Murr-Kreis ein Angebot in der Region Stuttgart geschaffen, das Frauen in einer extremen Notlage hilft. Laut den Expertinnen wäre so eine Anlaufstelle nicht nur nach einer Vergewaltigung, sondern etwa auch für Opfer häuslicher Gewalt ein Ziel, das wir auf lange Sicht gemeinsam anstreben könnten“, so der Landrat weiter. „Wie wichtig eine niederschwelle Anlaufstelle gerade auch in Pandemie-Zeiten ist, zeigt sich für mich auch daran, dass der Landkreis Ludwigsburg nun ebenso in das Projekt Soforthilfe nach Vergewaltigung einsteigen will. Wir sollten aufgrund der gesammelten Erfahrungen im Projekt auch darüber nachdenken, ob wir in der Region Stuttgart in der Zukunft nicht auch über Kreisgrenzen hinweg zusammenarbeiten und unsere Expertinnen und Experten prüfen lassen, vielleicht sogar ein gemeinsames Angebot, eine gemeinsame Gewaltambulanz zu schaffen.  Am Ende zählt, dass Betroffene bestmögliche Hilfe und Unterstützung bekommen.“

Sexualisierte Gewalt in der Polizeistatistik:

2018 kamen im Rems-Murr-Kreis 27 Fälle von Vergewaltigung oder sexueller Nötigung zur Anzeige. 2019 waren es 25 Fälle. Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet bis Ende des 3. Quartals 2020 tendenziell eine Zunahme der Fälle in diesem Bereich. Dabei muss man wissen: Die Dunkelziffer ist hoch und liegt nach verschiedenen Studien rund 5-15 Mal höher als bei der Polizei angezeigt wird. „Die Spurensicherung ist ein wichtiger Bestandteil einer eventuellen, späteren Anzeige. Auch eine nachträgliche Anzeige ist ein Stück „sich wehren“. Wehren Sie sich!“, betont Uwe Belz von der Kriminalpolizei.

So entstand das Projekt:

Der Sozialausschuss des Kreistags hat das Projekt im November 2018 auf den Weg gebracht. Die Initiative ging von der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt des Kreisjugendamts, den Rems-Murr-Kliniken, der Kriminalpolizei Waiblingen und der Beauftragten für Chancengleichheit im Landratsamt aus. Das Projekt kostet den Kreis im Startjahr 2019 rund 12.000 Euro. Für die Folgejahre sind je 7.000 Euro eingeplant.

(keck/13.11.20)