Rems-Murr-Kreis (Druckversion)
Autor: Martina Nicklaus
Artikel vom 02.11.2017

Luthers Thesen haben auch die Einrichtung der Sozialkassen angestoßen

Luthers Thesen haben auch die Einrichtung der Sozialkassen angestoßen

500 Jahre Thesen-Anschlag: Landrat Dr. Sigel hat über die Auswirkungen der Reformation auf den Rems-Murr-Kreis gesprochen.

Zum Reformations-Jubiläum hat Landrat Dr. Richard Sigel bei einem Festmahl im Stile Luthers am Dienstag, 31. Oktober, im Waiblinger Schlosskeller über die Auswirkungen der Reformation auf den Rems-Murr-Kreis gesprochen. Hier die Rede im Wortlaut:

"Für die Landkreise hat sich durch die Reformation nicht viel geändert – zumindest unmittelbar und auf den ersten Blick. Luther hat zwar mit seinen Schriften und Predigten auf kirchlicher Ebene eine völlig neue theologische Sicht propagiert. Er hat damit die Kirche gespalten.

An den damaligen Verwaltungsstrukturen änderte sich durch die Reformation und die Spaltung der Kirche aber zunächst nichts.

Die drei Verwaltungsebenen Gemeinde/Landkreis/Regierungsbezirk gab es schon damals. Nur wurden die Gemeinden damals noch „Flecken“ genannt. Für den Landkreis hatte man die Bezeichnung „Amt“. Und die Regierungsbezirke hießen „Oberamt“. Kreistag und Landrat bestimmten - damals wie heute - die Geschicke des Kreises bzw. Amtes gemeinsam.

Der Kreistag hieß allerdings vor 500 Jahren „Amtsversammlung“ und der vom Landesherrn eingesetzte Landrat nannte sich „Amtsvogt“.
Man kümmerte sich als Amt um die überörtlichen Aufgaben. Finanziert wurde das – damals wie heute – über eine Umlage, die „Amtsschaden“ hieß. Dass die Reformation keine Auswirkung auf die Landkreise hatte ist aber nur auf den ersten Blick richtig.

Denn die Reformation hatte große gesellschaftspolitische Auswirkungen und veränderte dadurch auch den Aufgabenzuschnitt der „Ämter“ nachhaltig. Die Frage: Wie geht man mit Armut um? – musste nämlich im Zuge der Reformation völlig neu geregelt werden. Warum?

Ganz einfach: Armut war damals ein Massenphänomen. Wir wissen das im Remstal. Denn der „Arme Konrad“ hat bereits wenige Jahre vor dem Thesenanschlag Luthers bei uns im Remstal die Menschen bewegt. Missernten und daraus resultierende Hungersnöte waren an der Tagesordnung. Schätzungsweise ein Fünftel der Bevölkerung lebte zu Luthers Zeiten vom Betteln. Die Kirche versuchte, die Armut mit dem Appell zu Spenden und Almosen in den Griff zu bekommen.

Es galt das Motto: Wenn man seine Sünden bereut und gute Werke vollbringt und insbesondere für die Armen spendet, kann man Vergebung der Sünden erlangen. Doch mit dem Thesenanschlag brachte ausgerechnet Martin Luther dieses System ins Wanken. Seine theologische Entdeckung lautete bekanntlich: Der Mensch kann nicht durch gute Werke gerecht werden, sondern allein durch den Glauben.

Diese neue theologische Sichtweise hatte erhebliche Auswirkungen auf die Spendenbereitschaft der Gläubigen: Die Armen waren nun nicht mehr das Instrument zur Erlangung des Seelenheils für die Reichen. Die Abhängigkeit zwischen Armen und Reichen war plötzlich aufgehoben.

Für die Wohlhabenden war es nicht mehr heilsnotwendig, einen Teil des Geldes den Armen zu geben. Die Spenden- und Opferbereitschaft ging rapide zurück, auch bei uns an Rems und Murr. Die Folge: Die Armenfürsorge musste auf ein völlig neues Fundament gestellt werden. Luther überlegte selbst, wie nach der Reformation die Armenfürsorge neu geregelt werden könnte. 

Luther war klar, dass hierfür zuallererst ein neues theologisches Fundament notwendig war.
Luther betonte in seiner Schrift „Von der Freyheith eyniß Christen Menschen“ aus der ich bei einer Lesung schon einmal zitiert habe: Die von Gott jedem Menschen geschenkte Freiheit macht den Einzelnen frei – frei von vielfältigen gesellschaftlichen und sozialen Zwängen.

Aus dieser Freiheit resultiert aber gleichzeitig auch die Verantwortung für andere – sei es nun in der Politik, in der Kirche, am Arbeitsplatz oder in der Familie etc.

Daraus hat Luther die Schlussfolgerung gezogen, dass Staat, Kirche und Gesellschaft gemeinsam die Armut systematisch überwinden müssten. Luther war wichtig, das „Bettelunwesen“ abzuschaffen.
Er betonte in einer seiner Tischreden „Den wirklich Armen muss man helfen“.

Er kritisierte aber auch: „Man kann … keinen armen Menschen mit Geld zur Arbeit bringen, alle wollen (lieber) betteln…“  Die Bettelei widersprach aus Sicht Luthers der Würde des Menschen. Deshalb sollten die Ursachen der Armut bekämpft werden, d.h. den Bedürftigen so zu helfen, dass sie wieder aus eigener Kraft ihr Leben bewältigen könnten. Es verwundert daher auch nicht, dass sich auf den evangelisch gewordenen Territorien damals schnell ein geordnetes Schulwesen entwickelte.

Um die Ursachen der Armut systematisch und wirksam anzugehen, wurde in den Gemeinden der Reformation als Bestandteil der Hauptkasse der Gemeinde der sogenannte „Armenkasten“ eingerichtet.

Das war eine Sozialkasse, in die alle Gelder flossen, die nicht für die Kirchen- und Schulbesoldung und den Unterhalt der Kirchenbauten benötigt wurden.

Eine Kommission aus Vogt, Pfarrer und Gemeinderäten verwaltete diese Kasse und beriet, welche Einwohner aufgrund welcher Notsituation wieviel Geld erhalten sollten. Wenn man so möchte, hat die Reformation zu Entstehung der Sozialkassen geführt. Eine Aufgabe, die heute eine der zentralen Aufgaben des Landkreises ist. Wir geben mehr als die Hälfte unserer Mittel für die Sozialfürsorge aus.

Und ohne Luthers verbalen Anschub hätte es keine Sozialkassen gegeben, aus denen die heutigen Sozialämter der Landkreise hervorgegangen sind. Die Reformation hatte eben doch erhebliche Folgen auch für die Landkreise.

Ein Blick auf den Armutsbericht der Bundesregierung heute zeigt, dass die Frage nach dem richtigen Umgang mit Armut bis heute eine der großen Herausforderungen der Politik ist.


Wir müssen uns auch heute immer wieder fragen:

• Wie gerecht geht es zu in unserer Welt.
• Wie können wir; wie können Staat, Kirchen und Gesellschaft gemeinsam für Gerechtigkeit sorgen.

Das beschäftigt mich auch heute als Landrat, Bürger und Christ.

Da müssen wir „dran bleiben“, die Reformation immer wieder neu entdecken und für unsere christlichen Werte und Wertvorstellungen eintreten."

(nick/2.11.17)

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